Es gibt nur zwei grundsätzliche Handlungswege bzw. deren Kombination

Da der Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentration so schnell wie möglich gestoppt werden muss, ist der erste Handlungsweg selbstverständlich die Vermeidung weiterer zusätzlicher CO2-Emissionen. Wäre das von heute auf morgen möglich, wäre dies der Königsweg. Aber der Weg braucht Zeit, die bis zur Erreichung der maximal (vielleicht) tolerierbaren Erwärmung um 1,5°C – wahrscheinlich in wenigen Jahren – kaum noch zur Verfügung steht: Die Ursache der klimaschädigenden CO2-Emissionen, die intensive Nutzung fossiler Energieträger, kann im nötigen Ausmaß nicht (mehr!) rechtzeitig in der nötigen Konsequenz durch die Nutzung ökologisch verträglicher Energiequellen abgestellt werden. Jedes Jahr Verzögerung verschärft die Problematik und macht den Eintritt unumkehrbarer Folgen für die Natur und unsere Lebensbedingungen wahrscheinlicher.

Der zweite Weg ist die technische oder biotische Kompensation von Emissionen. Technische Kompensation bedeutet die Finanzierung von Vermeidung an anderem, in der Regel kostengünstigerem Ort; biotische Kompensation ist die “Entsorgung” von CO2 durch zusätzliche Aufforstung, also durch den Entzug von CO2 aus der Luft durch zusätzliche Photosynthese. Biotische Kompensation ist die natürliche Erhöhung der unter → “Folgen” erwähnten biotischen CO2-Entsorgungskapazität der Natur (Ergebnis 2018: Absorption von 29 % der globalen CO2-Emissionen). Die Nutzung dieser Option mit Hilfe von zertifizierten, hochwertigen weltweiten Aufforstungsprojekte ist der kostengünstigste Weg zur Erreichung von Klimaneutralität – mit ökologisch höchst wünschenswerten Nebeneffekten. Dabei finanziert man die Aufforstung einer Fläche irgendwo auf der Erde, die so bemessen ist, das eine bestimmte Menge an CO2 innerhalb von rd. 10 Jahren von den neuen Bäumen der Luft entzogen wird oder man kauft – wie bei allen Kompensationsprojekten – CO2-Zertifikate, und zwar möglichst solche, welche die bereits technisch bzw. biotisch schon erfolgte Kompensation von CO2 durch eben solche Klimaschutzprojekte bestätigen – entsprechend zur zu entsorgenden Emissionsmenge. Nach dem Kauf werden die Zertifikate in einem Register stillgelegt, sodass sich kein Zweiter dieselbe projekt- bzw. flächen- und zeitbezogene CO2-Kompensation anrechnen lassen kann.

       WDR/dpa/Sönke Möhl

      Horst Emse

Weder Kompensation noch Aufforstung ersetzen langfristig die Notwendigkeit der konsequenten Emissionsvermeidung. Aber beide Ansätze verschaffen einen zeitlichen Spielraum für den kompletten Umstieg auf ökologisch vertretbare Energieträger, ohne in der für den Umstieg noch benötigten Zeit das Klimaproblem durch nicht vermiedene CO2-Emissionen weiter zu verschärfen.

Gegen Aufforstung zur CO2-Kompensation wird manchmal eingewendet, dass der Kohlenstoff(C) aus dem emittierten CO2, der zur Entsorgung in Bäumen gespeichert wird, bei Zerstörung oder Tod der Bäume letzlich doch wieder in die Luft geraten wird. Das ist zwar grundsätzlich richtig, trifft aber auch schon immer für den gesamten globalen Waldbestand zu, der dennoch Jahr für Jahr Milliarden Tonnen CO2 absorbiert. Die einzige richtige Folgerung, die man aus der kritischen Bemerkung ableiten muss, ist, dass für zur CO2-Kompensation aufgeforstete Wälder alles nur Mögliche getan werden muss, um ihre Substanz auch in Zukunft zu erhalten – zumindest bis zur Erreichung der notwendigen drastischen Absenkung globaler CO2-Emission. Die Notwendigkeit der Walderhaltung gilt aber – heute mehr denn je – für alle Wälder.

Klimaneutrales Leben ist für relativ wenig Geld durch die Kombination beider Handlungswege kurzfristig erreichbar erreichbar: Je nach Finanzlage so viel wie möglich an CO2-Emissionen vermeiden und den (zumeist wohl eher recht großen) Rest technisch oder biotisch kompensieren. Das ist kein Ablasshandel, sondern der einzig verantwortbare Weg, denn alle (noch nicht vermiedenen oder noch nicht vermeidbaren) nicht kompensierten Emissionen verstärken weiterhin den Klimawandel.

Jede Familie ab mittlerer Einkommenslage kann sich auf diese Weise zumindest über den biotischen Weg für jährlich ca. 150,- bis 500,- Euro oder höher (je höher der Lebensstandard, desto umfangreicher ist zumeist die Energienutzung bzw. CO2-Emission) klimaneutral stellen und dann an der konsequenten Emissionsvermeidung bis z. B. 2050 weiterarbeiten.

Jede Kommune sollte mit gutem Beispiel für ihre Bürger vorangehen und ein Konzept für konsequente Maßnahmen zur Minderung von CO2-Emissionen beschließen. Eine relativ kostengünstige Maßnahme wäre z. B., den kompletten Fuhrpark der Kommune auf dem beschriebenen biotischen Weg klimaneutral zu stellen, solange noch keine umfassende emissionsfreie Mobilität möglich ist. Und alle Bürger, Firmen, Organisationen der Kommune sollten aufgefordert werden, sich ebenso durch die Kombination von “Vermeiden und den ‘Rest’ entsorgen” ebenfalls klimaneutralstellen. Bei hinreichendem Engagement von beiden Seiten könnte das in spätestens 10 Jahren zur klimaneutralen Kommune führen.