Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor:

Der Klimanotfall / Klimanotstand wird im folgenden Textausschnitt aus SPIEGEL ONLINE mit einem Flugnotfall verglichen.

Vergleich des Klimanotfalls mit einem Flugnotfall: Bei einem Leck im Flugzeugtank ist das Risiko einer Notlandung auf offenem Meer für alle an Bord kleiner als das Risiko eines unkontrollierten Absturzes.

                                         Orbon Alija/ Getty Images

(Auszug aus einer Kolumne von Christian Stöcker, Kognitionspsychologe und seit Herbst 2016 Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW),

veröffentlicht am 09.06.2019 auf SPIEGEL ONLINE. Übernahme mit freundlicher Genehmigung von SPIEGEL ONLINE.)

Vor dem Absturz:

Sie sitzen in einem Flugzeug, auf halbem Weg über den Atlantik. Plötzlich kündigt eine Flugbegleiterin eine dringende Durchsage der Kapitänin an. Zur Überraschung der Passagiere steht die Pilotin kurz darauf persönlich im Gang. Sie blickt ernst in die Reihen und erklärt, ein Tank des Flugzeugs habe ein Leck, Treibstoff laufe aus. Es sei zwar unter Umständen möglich, mit dem noch verbleibenden Sprit bis nach New York zu kommen, aber das sei nicht sicher. Sie habe deshalb vor, in Grönland um eine Notlandeerlaubnis zu bitten. Der Kopilot sehe das genauso.

Aufgeregtes Gemurmel. Auf einmal steht ein Herr im Anzug aus der ersten Klasse hinter der Pilotin und sagt sehr laut, dass er dringend noch heute Abend in New York sein müsse, es gehe da um einen wichtigen Deal.

Ein zweiter Herr im Anzug gesellt sich dazu und ruft über die Schulter der Pilotin, er sei selbst im Besitz einer Pilotenlizenz, gut, für Kleinflugzeuge, aber die Prinzipien seien ja dieselben. Auf Basis dieser Expertise beurteile er die Analyse der Pilotin als übertrieben. Und man müsse sich mal vor Augen halten, dass so eine Zwischenlandung in Grönland alle Passagiere mehrere Tage kosten werde. Bei seinem Tagessatz entspreche das einer Zahl mit vier bis fünf Nullen.

Jemand fängt an zu schluchzen.

Die Politikerin bekommt ein KitKat

Da steht eine Frau auf und sagt, sie könne hier sicher helfen: Sie sei Berufspolitikerin und deshalb geübt darin, in Konfliktsituationen eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung auszuhandeln. Einige Passagiere lachen bitter, mehrere fangen an, unflätige Beleidigungen zu brüllen. Die meisten starren bedrückt vor sich hin.

Der erste Mann im Anzug ruft in die Kabine, es gehe hier schließlich um Arbeitsplätze! Irgendjemand brüllt, der Pilotin gehe es doch sowieso nur um die Überstunden, vermutlich sei das alles frei erfunden. Jemand aus der Business Class schlägt laut vor, einige Passagiere aus der Economy aussteigen zu lassen, um das Gewicht der Maschine zu reduzieren. Der Mann im Anzug steckt der Politikerin ein KitKat zu und flüstert: “10 Prozent weniger Zucker und Fett!”. Sie lächelt.

“Gin To-Nic! Gin To-Nic!”

Die Politikerin sagt, man müsse jetzt in aller Ruhe in einem geordneten Verfahren alle Fakten und Standpunkte einholen und dann zu einer gemeinsamen, für alle tragbaren Entscheidung kommen. Die Menschen im Flugzeug beschäftigten ja ganz unterschiedliche Themen, das müsse man berücksichtigen. “Richtig!”, ruft ein Mann, “meine Tochter holt mich in New York am Flughafen ab!”.

Die Pilotin gibt zu bedenken, dass das Abdrehen nach Grönland nur noch wenige Minuten lang möglich sei. Danach könne man nur noch darauf hoffen, es gerade so zu schaffen. Das Gepäck werde man aber wohl in jedem Fall abwerfen müssen.

“Und wenn”, ruft der zweite Mann im Anzug, “die fischen uns dann schon raus! Wir sind ja nicht irgendwer!” Eine Gruppe von Männern hinten rechts, in T-Shirts mit der Aufschrift: “Bernd lässt noch mal die Sau raus in NY!!!”, beginnt “Gin To-Nic! Gin To-Nic!” zu skandieren. Einige andere Passagiere fallen zögernd ein, verstummen aber peinlich berührt, als sie den Blick der Pilotin sehen.

Wer hat Sie bis jetzt am ehesten überzeugt?

An wen würden Sie sich halten? An das Pilotenteam, die einzigen Experten an Bord, die eine Katastrophe für möglich, ja wahrscheinlich halten, wenn nicht umgehend gehandelt wird? An den Hobbypiloten, der das alles übertrieben findet? Den Zwischenrufer, der die Pilotin zur Lügnerin erklärt? Wie überzeugend fänden Sie den Standpunkt, dass man jetzt erst einmal ergebnisoffen und in aller Ruhe darüber diskutieren müsse, wie man mit der Situation umgehen soll?

(Vollständiger Beitrag von Christian Stöcker unter SPIEGEL ONLINE)

Diese Fragen stellen sich uns entsprechend auch in der Situation Klimanotfall / Klimanotstand:

Können Sie sich vorstellen, dass jemand ernsthaft glauben kann, in dieser Lage noch viel Zeit zum Diskutieren zu haben? Da muss schnellstens gehandelt, d.h. eine Notlandung auf dem Meer eingeleitet werden, um eine sonst sehr wahrscheinlich noch viel größere Katastrophe abzuwenden. Entsprechend ist unsere Situation angesichts der CO2-Problematik. Die wissenschaftlichen Aussagen zur Problematik sind eindeutig. Die  auf den Seiten Problem: CO2-Emission und Folgen benannten Fakten erfordern genau das Gleiche: So schnell wie möglich klimaneutral handeln, also die weitere Deponierung von CO2-Emissionen in der Atmosphäre beenden – auch wenn uns das erhebliche Kosten verschiedenster Art zumuten wird. Der bedeutendste Unterschied zum Flugzeug-Beispiel ist aber, dass bei Nicht-Handeln nicht wir selbst, sondern erst nachfolgende Generationen die drohende Katastrophe erleben werden.

Dass Klima –

Ein Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich im normalen Leben niemals unterhalten würden.

(veröffentlicht auf ZEIT Online)

Sehr geehrter Herr Sp…,

ich habe mit Interesse den ZEIT-Beitrag vom 24.09.2019: “Streit ums Klima – Gespräch zwischen zwei Menschen, …” gelesen. Ich selbst finde mich eher auf der Seite von Marlies Uken, aber ich konnte auch Ihre Ausführungen gut anhören. Aber ich kann Ihnen nicht zustimmen. Sie sagten an einer Stelle:

Wir als Unternehmen folgen dem Nachhaltigkeitsprinzip. Das schließt eine intakte Umwelt ein, aber eben auch sozialen Frieden und eine funktionierende Wirtschaft mit genügend Arbeitsplätzen. Wenn wir alles dem Klimawandel unterordnen und alle anderen Themen ausblenden, dann müssen wir uns eben auch nicht wundern, wenn es irgendwann Aufstände gibt wie in Frankreich und die Wirtschaft nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

Ich verstehe die Bedenken; sie sprechen einen wichtigen Aspekt an. Aber das Argument kann und darf nicht bedeuten, dass wir in den Ländern, die maßgeblich das Klimaproblem in der Vergangenheit verursacht haben und in denen trotz hinreichender wissenschaftlicher Mahnungen eine rechtzeitige Reduktionen der jeweils eigenen CO2-Emissionen verschlafen wurde – und zwar aus genau den von Ihnen genannten Konkurrenzgründen, sodass (auch in Deutschland) noch immer und gegen besseres Wissen massenhaft CO2 emitiert wird  — das Argument also darf nicht bedeuten, dass wir zum Schutz der Wettbewerbsfähigkeit zulassen, dass die steigende atmosphärische CO2-Konzentration zur Überschreitung der Grenze von 1,5°C Erwärmung führt. Diese Grenzmarke aus der Pariser Klimaschutzvereinbarung von 2015 ist – naturwissenschaftlich und ethisch begründet – nicht aufgebbar und muss das oberste Ziel alles Handelns für Nachhaltigkeit sein. Das Wirtschaftsproblem muss auf andere Weise, also nicht durch Verzögerung der Emissionsreduktion gelöst werden. Und – so schlimm das auch ist: Wenn negative wirtschaftliche Konsequenzen des Klimaschutzhandelns trotz alles Bemühens nicht verhindert werden können, dann werden wir sie, sozial abgefedert, hinnehmen müssen – als Folge der Versäumnisse der Vergangenheit. Das Argument: “Hannemann, geh du voran” darf nicht gelten. Jeder muss im eigenen Verantwortungsbereich das tun, was nötig ist. (Auch bei der Zementproduktion muss die benötigte Energie so schnell wie möglich nur aus emissionsfreien, alternativen Stromquellen stammen – auch wenn die Produktion dadurch teurer wird.)

Warum so rigoros? Weil die Folgen der Überschreitung des vielleicht(!) noch zur Verfügung stehenden CO2-Budgets viel schlimmere und teurere Folgen haben wird als die Verhinderung der Überschreitung. Wir stehen in einer ethisch herausfordernden Zeit wie wohl nie zuvor in der Menschheitsgeschichte: Wir können nicht nur unsere Lebensbedingungen zerstören – wie es längst geschieht durch atomare Bedrohungen -, wir tun es faktisch längst durch den Missbrauch der Atmosphäre als Abgasdeponie.

Sie zitieren die Worte der Greta Thunberg “I want your panic” mit der deutschen Übersetzung “Ich will, dass Ihr in Panik geratet”. Sie können und sollten aber m.E. das Wort “panic” besser mit “Bestürzung” übersetzen, was ebenso möglich ist. So finde ich den Satz absolut in Ordnung. Bitte, schauen Sie sich einmal meine Website www.klimanotstand.today an. Danach wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir eine offene und ehrliche Antwort auf meine Ausführungen schreiben würden – auch, ob die auf jener Website benannten, wissenschaftlich belegten Fakten und deren schon eindeutig messbaren Folgen nicht auch Sie bestürzen.

Mit freundlichen Grüßen
Horst Emse